1991: Interview mit Boris Schneider (damals bei der Power Play).

Beim Aufräumen stieß ich auf einen echten Schatz aus meiner Jugend: Die Mitschrift eines Interviews, das ich im Jahr 1991 mit Boris Schneider hielt. (Anlässlich der AMIGA’91, November 1991 in Köln.)

Ein seltenes Interview mit einer absoluten Szenegröße
Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Mittlerweile heißt er Boris Schneider-Johne und arbeitet ein paar Hundert Meter von mir entfernt als „Enthusiast Marketing Manager Windows“ bei Microsoft (zuvor als Produktmanager für die Xbox). Damals war er einer der beliebtesten und bekanntesten Redakteure des Kultmagazins „Power Play„. Anfang der 1990er Jahre habe ich einige Artikel für ein AMIGA Diskettenmagazin geschrieben (McDisk / Alcatraz), und daher packte ich spontan auf einer AMIGA-Messe in Köln die Gelegenheit beim Schopf und bin – nur mit einem Block und einem Stift bewaffnet – an den Stand der Power Play.

Vielleicht gingen damals die Uhren einfach noch etwas anders als heute – auf jeden Fall war es kein Problem, ein Interview zu bekommen. Die Erinnerung daran ist mittlerweile natürlich schon recht verblasst, und der Rest kam auch nur wieder aus der Versenkung, als ich zufällig die alten handschriftlichen Aufzeichnungen entdeckt habe.

Leider fehlt die Seite mit den eigentlichen Fragen, so dass ich nur noch die Antworten dazu habe. Aber ich denke, die Fragen sind anhand der Antworten leicht herzuleiten :).

Ich habe mich dazu entschlossen, hier das Interview quasi wörtlich wiederzugeben, auch wenn meine Formulierungen mittlerweile sehr merkwürdig in meinen Ohren klingen und einige Antworten stark gekürzt aufgeschrieben wurden. An einigen Stellen habe ich Antworten etwas geändert bzw. erweitert, um die Lesbarkeit zu erhöhen. Am Ende der Seite sind die Scans der Originalmitschrift zu finden. (Hinweis: Alle inhaltlichen Fehler, falls es welche geben sollte, gehen auf meine Kappe.) Viel Spaß!

Interview mit Boris Schneider (AMIGA’91 in Köln)
Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Wie alt bist Du und seit wann bist Du dabei?

Ich bin 25 Jahre alt und seit 1985 dabei (zuerst bei der 64’er).

Wie kam es, dass Du Spieletester wurdest?

Durch puren Zufall. Ich war Programmierer bei der 64’er und musste einen Kollegen vertreten und ein Spiel testen. Weiterer Werdegang: Spieletester bei der 64’er, Happy Computer und 68000er, Power Play. Zwischendurch bei Rainbow Arts angestellt.

Warst Du mal in der „Szene“?

Ich war nicht in der Szene, war aber mit einem Kollegen maßgeblich an „Hypra Load“ für den 64er beteiligt.

Was sind Deine Hobbies?

Ich lese gerne Science-Fiction Bücher und interessiere mich für Fraktale. (Durch seine guten Kontakte zu Lucasfilm – wegen seiner Tätigkeit für Rainbow Arts – kam er schon früher in den Genuss der Spezialeffekte von Terminator 2, da öfter interne Treffen der Lucasfilm-Mitglieder stattfanden, bei denen diese Tricks gezeigt wurden.)

Macht Dir die Arbeit noch Spaß?

Ja, es macht noch Spaß. Ich habe jetzt 2 Jahre Pause gemacht wegen meiner Tätigkeit bei Rainbow Arts, und jetzt gefällt es mir wieder. Direkt vor der Pause fing es an, etwas langweilig zu werden, aber jetzt bin ich wieder mit frischem Schwung dabei. (Er ist älter und reifer geworden im Laufe der Jahre und er spielt nicht mehr so lange wie früher. Nebenbei: Seine All-time-hits: Impossible Mission (Epyx) und Koronis Rift (Lucasfilm).)

Wie viel spielt ihr in der Redaktion?

Das Spielen nimmt einen eher geringen Teil des Tagesablaufs ein. In der Redaktion wird nur ca. 1 Stunde gespielt, der größte Teil der Spielzeit findet abends am heimatlichen Computer statt. Der Rest des Tages geht für Recherche, Kaffeetrinken und Plaudern drauf.

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Spielst Du nur eine bestimmte Art von Spielen? (?)

Im Grunde alles, was in der Power Play steht. Es wird jedes Spiel getestet, die Spiele werden auf alle Redakteure verteilt.

Bekommt ihr Trainerversionen von den Spielen?

Ab und an bekommen wir Trainerversionen von den Firmen, bzw. spezielle Cheat-Versionen, die bei den Endversionen wieder ausgebaut sind. Manchmal bekommen wir auch Tipps von den Firmen verraten, die das Leben leichter machen. (Selbst von den Bitmap Brothers bekommen sie keine Cheat-Versionen, dafür haben diese aber eine vorbildliche Pressearbeit und liefern schon Dias mit Bildschirmfotos ab, oder, wie in der Power Point 10/1991 zu sehen, bereits fertige Level-Karten.

An dieser Stelle folgt ein kleiner Tumult, da Doc Bobo und Michael Hengst sich über die Bitmap Brothers auslassen. Was zu verstehen war, kristallisierte sich als „Bitmaps – coole Burschen, bis 4 Uhr mit ihnen rumgehangen.“)

Gibt es Firmen, mit denen Du lieber zusammenarbeitest bzw. Firmen, mit denen Du nicht gerne zusammenarbeitest?

Im Laufe der Jahre hat man zu manchen Firmen bessere, zu anderen schlechtere Kontakte entwickelt. Wir möchten jetzt aber niemandem auf den Schlips treten, daher – kein Kommentar.

Lasst ihr euch für „gute“ Testberichte von den Firmen in irgend einer Form beeinflussen?

Das sind alles nur Gerüchte, mir ist für die Power Play so etwas nicht bekannt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das jemand macht. Es bringt in jedem Fall Nachteile mit sich. Außerdem bin ich mir sicher, dass das der Leser sehr schnell merkt. Aber in jedem Fall schadet er sowohl sich, als auch seiner Zeitung.

Welche Konkurrenz-Zeitschriften habt ihr eurer Meinung nach?

Man kann nicht von Konkurrenz-Zeitschriften reden, nur von Mitbewerbern, die aber jede für sich ein anderes Zielpublikum haben. Ein Konkurrenz-Magazin wäre z.B., wenn eine Zeitung auf den Markt kommen würde, die sich „Play Power“ oder „Bauer Play“ nennen würde und uns auch in der Aufmachung kopieren würde.

Wie steht ihr zu den anderen Spielezeitschriften und den Machern dahinter?

Wir lesen sie schon gegenseitig, und manchmal sagen wir uns auch „Oh, das hätten wir aber ganz anders geschrieben!“. Aber wir verstehen uns ganz gut und reden auch miteinander, wenn wir uns sehen, wie z.B. bei dieser Messe. (Wie auf Kommando kommt ein Mitarbeiter der Power Play mit einem „Computer-Hassbuch“ der ASM, um für einen Fan Unterschriften zu geben.)

Wie hoch ist eigentlich eure Auflage und was verdient ihr?

(Da Boris das gerade nicht weiß, fragt er Michael Hengst, der schon seit geraumer Zeit diesem Interview gebannt lauscht: 121.000 zur Zeit. Über das Gehalt wollen sie nichts sagen, dann lässt sich Doc Bobo aber doch zu einem Statement („Zu wenig“) hinreißen.)

Wie findet ihr DiskMags?

DiskMags sind eine tolle Sache. Da sie billig sind (man kann sie ja problemlos kopieren), kann jeder etwas davon haben. Es ist auch gut, wenn auch die „Kleinen“ ohne ein großes Budget etwas machen können und so auch eine breitgefächerte Meinungsvielfalt entsteht. Obendrein haben sie eine große, grenzüberschreitende Verbreitung.

Was haltet ihr davon, in der Power Play eine „Demos“ oder „Szene“ Kolumne einzuführen?

So etwas entspricht nicht ganz unserer Zielrichtung. Eine Demo/ Szene-Ecke würde auch nicht in unser Konzept passen. Dafür sind eher Zeitschriften wie z.B. der Amiga-Joker gedacht, die diese Ecke schon von Anfang an in ihrem Konzept geplant hatten. Seitdem wir uns verstärkt um den PC kümmern, ist auch das Durchschnittstalter etwas gestiegen und liegt jetzt bei etwa 18 Jahren. Das kommt aber auch nicht etwa von den PC-Spielen, es spielt auch eine große Rolle, dass unsere Leser „mitaltern“ und somit das Durchschnittsalter steigt.

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Interview mit Boris Schneider-Johne (Power Play)

Was habt ihr in Zukunft für die Power Play geplant?

Wir arbeiten verstärkt daran, wieder mehr Schwung in unser Heft zu bekommen. Es wird einige positive Veränderungen in den nächsten Monaten geben, das verspreche ich Dir! Wir arbeiten verstärkt daran! Was die Bitmaps angeht -lasst euch einfach überraschen… (Anm.: Keine Ahnung, was der letzte Satz bedeuten soll…)

Schaust Du Dir eigentlich Demos an?

Früher habe ich mir gerne Demos angesehen, aber im Laufe der Zeit hat das nachgelassen. Die einzelnen Effekte wiederholen sich, und ich kann inzwischen keinen Scroller mehr sehen.

… und gute 22 Jahre haben diese Blätter irgendwo in einem Ordner gesteckt, bis sie wieder entdeckt wurden…

Das war auch nicht das einzige Interview – in meinem nächsten Blog-Update wird es ein Interview mit Thomas Engel von Factor 5 geben, in dem er mir allerlei Interna verrät, auch wie Factor 5 überhaupt startete und gegründet wurde. Außerdem habe ich ihn auch später in seiner Studentenbude besucht, wo er mir ihr Entwicklersystem für das Mega Drive zeigte (damals haben sie gerade Turrican auf das Mega Drive und Super Famicom portiert). All das folgt in den kommenden Beiträgen.

Auf der gleichen Amiga Messe habe ich auch noch Michael Labiner (Chefredakteur des Amiga Joker) interviewt, und auch Frank Matzke (damals Kaiko) und noch weitere, aber leider sind diese Interviews zumindest bis dato nicht mehr aufgetaucht. Vielleicht finde ich sie ja irgendwann wieder mal…

Oliver Kilb

Oliver Kilb

Schön, dass ihr vorbeischaut! Viel Spaß auf meiner kleinen Homepage.

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11 Antworten

  1. Avatar Gerry sagt:

    Ein schöner Beitrag :-)! Ich freue mich schon auf Deine nächsten Beiträge über Factor5. Hast Du vielleicht auch Fotos vom Entwicklungssystem gemacht?

    „leider sind diese Interviews zumindest bis dato nicht mehr aufgetaucht. “
    Meinst Du damit, dass lediglich die Interview-Mitschriften verschollen sind, oder dass die Interviews gänzlich unveröffentlich geblieben sind? Ansonsten könnte man ja mal in verschiedenen Ausgaben der McDisk danach schauen.

    • Oliver Kilb Oliver Kilb sagt:

      Hallo Gerry,

      ich befürchte, diese Interviews sind gänzlich verschwunden. Ich schaue aber auch mal bei Gelegenheit die McDisk Ausgaben durch, vielleicht finde ich doch noch etwas.

      Allerdings war das Gefühl, die über 20 Jahre alten Originale in meiner alten Handschrift auf einmal wieder in meinen Händen zu haben, etwas ganz Besonderes. Das war schon richtig nostalgisch… und da kann eine Diskette nicht mithalten 🙂

  2. Avatar Gerry sagt:

    Deine Artikel wurden lobend in der Amiga Special 6/92 erwähnt:

    „Mc Disc – […] Von den Artikeln haben mir besonders gefallen: Das Interview mit Boris Schneider (ex. Lucasfilm Games) und Thomas Engel von Factor 5. Auch sind einige informative Artikel über das PegasusAT System von Factor 5 […] enthalten.“

  1. 20. Juli 2014

    […] mit dem Interview von Boris Schneider (siehe hier) habe ich auch noch die Mitschrift eines von zwei Interviews mit Thomas Engel von Factor 5 […]

  2. 27. Juli 2014

    […] hatte hier und hier bereits geschrieben, wie es vor über 22 Jahren dazu kam, dass ich einige Berühmtheiten […]

  3. 31. August 2014

    […] Kult – inklusive den Redakteuren (mit einem davon, Boris Schneider-Johne, habe ich kürzlich hier ein Interview hochgeladen). Ein typischer Monat in dieser Zeit sah so aus, dass man entweder auf die neue Ausgabe […]

  4. 25. Januar 2015

    […] das anging, war ich auch sehr erfolgreich – auf der Amiga’91 fanden die Interviews mit Boris Schneider (Power Play), Factor 5 und Michael Labiner vom Amiga Joker […]

  5. 2. August 2017

    […] Die Amiga ´91 in Köln wird an mehreren Stellen im Heft ganzseitig beworben: Einmal in Form einer normalen Werbung, und im weiteren Verlauf kündigt die Redaktion ihr Kommen an. Das resultierte dann auch in meinem Interview mit Boris Schneider, über das ich bereits berichtete. […]

  6. 20. Oktober 2017

    […] konnte ich immerhin Interviews mit Größen wie Factor 5 und den Gründern der Power Play wie z. B. Boris Schneider (mittlerweile für die X-Box Deutschland zuständig [Anm.: Das war zu einem früheren Zeitpunkt]) […]

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