21.3.1989: Mein erstes Amiga-Demo – die R-Type Slideshow.

Vor 30 Jahren erschien das erste „öffentliche“ Amiga-Demo, an dem ich beteiligt war: Die „R-Type Slideshow“, die Ende März 1989 an Freunde verteilt wurde. Ein kleiner Rückblick auf die Geschichte dieses Demos.

Sommer 1988: Der Amiga als ultimative Spielemaschine wird infrage gestellt
Erste Erwähnung der PC-Engine in der Power Play

Erste Erwähnung der PC-Engine in der Power Play

Meinen Amiga 500 hatte ich schon eine ganze Weile, als ein Artikel in der Power Play die Vorherrschaft des Amigas als Spielemaschine anzweifelte: In der Power Play 6/1988 erschien ein Bericht zur Spielekonsole „PC-Engine“, die eine wahre Wunderkonsole zu sein schien, wie Martin Gaksch damals schrieb: „Dieses neue Videospiel-System schlägt in Sachen Grafik nicht nur Sega und Nintendo um Meilen, sondern auch alle populären Computer.“ Abgebildet waren zwei Screenshots des damals heißesten Shooters, nämlich R-Type.

Und in der Tat: Die Screenshots sahen um Klassen besser aus als das, was man bislang auf dem Amiga bei Ballerspielen sah. (Katakis, der bekannte R-Type Klon aus deutschen Landen, war damals noch nicht in der Amiga-Fassung verfügbar.) Ich weiß noch, wie fasziniert ich damals war beim Betrachten dieser Grafiken.

Herbst 1988: Die PC-Engine als Amiga-Killer?
Spielen in einer neuen Dimension (aus der Power Play)

Spielen in einer neuen Dimension (aus der Power Play)

In der nächsten Power Play (10/1988) folgte dann ein zweiseitiger Test der PC-Engine, der mit „Spielen in einer neuen Dimension“ übertitelt war. Neben den Lobeshymnen ob der Farbpracht („Was dieses kleine Ding mit seinen 512 Farben an Grafik-Power bietet, ist schier unglaublich.“) wurde direkt der Amiga als Vergleichsplattform herangezogen – mit klaren Worten: „Wer bislang dachte, der Amiga sei die ultimative Grafik-Kiste, wird von der PC-Engine auf eindrucksvolle Weise eines Besseren belehrt.“ (Beide Zitate: Martin Gaksch)

Das saß natürlich, denn in meiner Clique war es klar, dass nur der Amiga der beste Spielecomputer aller Zeiten sein konnte. Also musste man etwas tun – nur was?

Die R-Type Slideshow als Zeichen der Überlegenheit
Ausschnitt vergrößert

Ausschnitt vergrößert

Völlig klar: Wir machen eine Slideshow, in der wir zeigen, dass der Amiga sehr wohl in der Lage ist, solch tolle Grafiken zu erzeugen! Gesagt, getan: Marc (damaliger Handle: „Hulk“) und ich (als „Yello“) starteten DeluxePaint II (oder vielleicht schon DeluxePaint III) und machten uns daran, die in der Power Play abgebildeten Screenshots nachzumalen – besser gesagt, wir „pixelten“, denn damals war es üblich, dass Computergrafiken Pixel für Pixel mit der Maus „gemalt“ wurden. Es war eher mit dem Pointillismus zu vergleichen, nur dass eine Grafik üblicherweise in 320×200 oder 320×256 Pixel gepresst werden musste. Und die Anzahl der Farben war auch beschränkt: Maximal 32 Farben aus einer Gesamtpalette von 4096 Farben waren so möglich! Wie solche Grafiken dann tatsächlich aussahen, kann man hier sehen. In der mehrfachen Vergrößerung ist gut erkennbar, wie die einzelnen Punkte in der normalen Ansicht ein Bild erzeugten.

Wie sah das fertige Demo aus?
Ausschnitt aus dem Scrolltext

Ausschnitt aus dem Scrolltext

Marc schaltete vor die Slides noch einen Scrolltext, denn ohne ging damals gar nichts! Den vollständigen Text habe ich an das Ende dieses Beitrages gesetzt, aus sentimentalen Gründen. Wir waren damals noch sehr unerfahren in punkto professioneller Amiga-Programmierung, und so war das Demo selbst völlig unspektakulär, und damals im zeitlichen Kontext gerade noch so einer der letzten Vertreter des im ausklingen befindlichen Genres der Slideshow. Dazu gab es ein Sound-Sample (aus Depeche Modes „Strange Love“), das sich in einer Endlosschleife wiederholte. Wir waren stolz wie Bolle, als das Demo im Frühjahr 1989, genauer am 21. März 1989, endlich fertig war.

Erste Vorstellung des Sega Mega Drives (in der Power Play)

Erste Vorstellung des Sega Mega Drives (in der Power Play)

In der Zwischenzeit wurde auch das Sega Mega Drive als Japan-Import als Amiga-Killer beworben, und daher weiteten wir die Slideshow auf Bilder von „Altered Beast“ aus. Um es weiter abzurunden, malte Marc noch Bilder von der „Vulcan Venture“ Automatenfassung nach. Das führte zu der etwas merkwürdigen Situation, dass auf der „R-Type Slideshow“ Disk nur 4 Bilder von R-Type zu finden waren, aber auch 4 Bilder von Vulcan Venture. Dann gab es noch 2 Bilder von Altered Beast – wobei eines davon gar nicht in die Slideshow integriert war, sondern als „Bonusbild“ nur von denen entdeckt werden konnte, die direkt die Diskette durchsuchten – und ein Bild von „R-Type II“. Wenn man alle Bilder zusammenzählte, stellten die R-Type Bilder also weniger als die Hälfte.

Heutige Einordnung des Demos
Die Seegurke - nachgezeichnet

Die Seegurke – nachgezeichnet

Ich weiß nicht, wann ich das Demo zum letzten Mal auf der Originalhardware gesehen habe, aber wahrscheinlich habe ich es nach 1990/ 1991 nicht mehr in das Diskettenlaufwerk eingelegt. Wir waren damals 16 Jahre alt und durchaus zu Recht stolz, auch wenn es Anfang 1989 bereits tolle „richtige“ Amiga-Demos gab. Das „Demons are forever“ Demo von D.O.C. kam bereits im Mai 1988 heraus, und etablierte Gruppen wie Scoopex, Phenomena, Red Sector, Kefrens setzten mit jedem Release neue Maßstäbe. Verglichen mit diesen Produktionen waren wir wie Grundschüler unter Abiturienten.

Das Titelbild der Slideshow

Das Titelbild der Slideshow

Die Qualität der Bilder ist unterschiedlich: Einige kommen wirklich sehr nahe an die Originale, bei anderen merkt man aber, dass wir bei manchen Elementen nicht wussten, was genau wir überhaupt nachmalen. Auch wurden sämtliche Bilder in einer viel zu hohen Auflösung gemalt. Wir dachten damals wohl, wir müssten in 640×512 Pixeln malen, dabei wären die Originale durchaus alle in 320×256 Pixeln kopierbar gewesen. Das bedeutete auch, dass wir aufgrund der hohen Auflösung mit 16 anstelle von 32 Farben auskommen mussten – rückblickend wäre es doppelt sinnvoller gewesen, zugunsten von mehr Farben auf die höhere Auflösung zu verzichten.

Das Demo ist nicht auf Plattformen wie z.B. pouët.net oder exotica.org zu finden, und das ist auch ganz in Ordnung so…

Ein paar Einblicke in das Demo
Die Originaldiskette der "R-Type Slideshow", 21.3.89

Die Originaldiskette der „R-Type Slideshow“, 21.3.89

Die R-Type Slideshow birgt auch ein paar kleine Geheimnisse. In zwei Bildern habe ich unsere Namen entdeckt („Yello“ bzw. „S.D.I.“), und eines der Bilder war wie oben geschrieben nur zu finden, wenn man direkt auf der Diskette nachgesehen hatte. Von einigen Bildern habe ich auf anderen Disketten sogar noch halb fertige Zwischenstände gefunden, die ich der Nachwelt nicht vorenthalten möchte. Auf dem Diskettenlabel hatte ich das Datum vermerkt, und wer tief genug mit einem Texteditor gesucht hat, der fand in der „Startup-Sequence“ den folgenden Text:

Loader
; Finished on 21.03.89
; Created by Hulk of S.D.I. and Yello
; The R-Type Slideshow is Freeware
; Enjoy and copy it !!!

Was gibt es sonst noch zu sagen?
Die Greifer im Entstehen

Die Greifer im Entstehen

Die R-Type Slideshow war für uns der Einstieg in die Amiga Demo-Szene. Ein paar Monate später folgten bereits die ersten S.D.I. Demos mit wesentlich besserem Coding und auch endlich Soundtracker-Musik. Für mich hat dieses erste Demo natürlich einen besonderen Wert, denn es schickt mich 30 Jahre zurück in die Vergangenheit, als ich mit 16 Jahren in die 11. Klasse ging und „Heim“-Computer äußerst exotisch waren. Auf einmal sitze ich wieder in meinem Kinderzimmer vor dem Commodore 1084 einem 14″ Monitor, und tauche ein in die Demo-Welt dieser Zeit. Es ist verblüffend, was einem auf einmal wieder einfällt, nur durch diese simplen Sound- und Grafik-Trigger.

Der Grüne Koloss im Entstehen

Der Grüne Koloss im Entstehen

Die Diskette habe ich mit dem Kryoflux-Board überspielt, sonst wäre sie eher früher als später in den ewigen Disketten-Himmel aufgestiegen, denn wie ich meine, erreichen alle meine Disketten so langsam das Ende ihrer Haltbarkeitsdauer. Ohne dieses Board wäre ich also nie mehr in den Genuss gekommen, dieses Frühwerk von mir zu sehen, denn ich weiß nicht, ob jemand in meinem damaligen Freundeskreis noch eine Kopie hat bzw. schon auf den PC überspielt hat. Was ich dabei auch wiederentdeckt und zwischenzeitlich völlig vergessen hatte: Ein Anschreiben von Marc und mir an einen Public Domain Diskettenversand, dem wir unsere Slideshow zur Aufnahme in den Katalog anboten!

Ausblick auf die kommenden Wochen
Die R-Type Ameise - nachgezeichnet

Die R-Type Ameise – nachgezeichnet

Ich werde in den kommenden Wochen vermehrt Amiga-bezogene Artikel online stellen, denn ich habe schon knapp 200 Disketten aus den Jahren 1988-1993 überspielen können. Einige von diesen bargen völlig vergessene Schätze: Meine ersten Amiga-BASIC Programme vom Februar 1988 (und somit wohl mein ältester in digitaler Form erhaltener Code überhaupt!), viele Bilder, Logos, Assembler Sourcecode von einigen Demos – und bislang wahrscheinlich noch nie veröffentlicht: Eine frühere Fassung des Demos, das später als „Interference“ von Sanity zu Ruhm kommen sollte. Nur damals eben noch mit Grafiken von mir und unter einem ganz anderen Gruppennamen. Doch das wird in Ruhe nach und nach hier zu sehen sein.

Der originale Scrolltext der R-Type Slideshow
Der "Greifer" - nachgemalt

Der „Greifer“ – nachgemalt

Es folgt der originale Scrolltext der R-Type Slideshow, geschrieben von Marc (Hulk) irgendwann im März 1989. Ich habe nur seine damalige Adresse unkenntlich gemacht.

Hello, Man!! Welcome to the amazing and marvellous R-Type Slideshow !!! Enjoy the pictures, which were taken from three Arcade Games called R-Type, Vulcan Venture and Altered Beast !!!! Realize, that this show was painted (and not digitized) by Yello and Hulk of the Software Destruction Initiative !!!!!!!! Today, the greetings go in no order to: WOW, DOC (talking shit is the best way to become silly !!), Alki Crew (Please contact us – the address will be given later !!), Object Brainstorm (He, Troll! Think about taking some serious members into your group !!), UKW, Ace, The Knight Hawks (You should write us, too) and the Diskmaster !!! If you want to contact us, then write to: M. Xxx, Xxx-Strasse x, Homburg-Saar! Hey, Looooooosers: Do not try to call us (I hate phonecalls) or even to write us in order to swapp!! Winners are always welcome (of course)!!! Realize, that this is freeware!! So you are allowed to copy it, but you must not steal or change our pictures!!! Just for information: By pressing CTRL between the pictures you can turn on (off) the music!! Perhaps you wondered: Who is Yello and who is S.D.I.? Well, Yello is a lonesome member of himself, really a good painter, while S.D.I. is a group, which came out of the darkness and went up fast! Its members are: Manowarrior, Magicstarsoft and me (Hulk)!! That was all, folks! So long then…………

Quellenangabe:

Power Play Ausgabe 6/1988 Seiten 16 und 96, Power Play Ausgabe 10/88 Seiten 54/55, Power Play Ausgabe 3/89 Seiten 14 und 15

Oliver Kilb

Oliver Kilb

Schön, dass ihr vorbeischaut! Viel Spaß auf meiner kleinen Homepage.

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3 Antworten

  1. Avatar Gerry sagt:

    Schonmal überlegt, Deine/ Eure Sachen bei https://demozoo.org hochzuladen? Zu S.D.I., Hulk, Yello etc. gibt’s dort noch keinen Eintrag. Wäre doch schön, wenn auch andere Leute die Sachen herunterladen könnten…

    • Oliver Kilb Oliver Kilb sagt:

      Servus Gerry, es kommen noch Sachen unter anderen Gruppennamen, die bereits auf Pouet, Exotica & Co liegen.

      Ob für die wirklich ganz frühen und, wenn man ehrlich ist, nicht besonders spektakulären Produktionen wirklich öffentliches Interesse bestünde, … ich glaube, das behalte ich vorerst lieber mal in meiner privaten Schatulle. 😉

  1. 8. Mai 2019

    […] In einem früheren Beitrag habe ich kürzlich über das erste Amiga-Demo geschrieben, an dem ich beteiligt war: Eine Slideshow mit nachgepixelten Motiven von R-Type, Altered Beast und Vulture. Neben einer simplen Scroller-Routine und dem Abspielen von Sample-Loops gab es da technisch nichts weiter zu sehen, was bemerkenswert gewesen wäre. Besagtes Demo wurde Ende März 1989 veröffentlicht, und der damalige Coder hatte natürlich Blut geleckt und wollte besser werden. Wir waren damals alle noch in der Schule, und Marc alias „Hulk“ nutzte die damals noch üppig vorhandene freie Zeit, um seine Assembler-Kenntnisse zu vertiefen. […]

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